Namen
Man sitzt vor einem Stück Papier und versucht seine Gedanken niederzuschreiben, aber das einzige das man empfindet ist Leere. Komplette, alles ausfüllende Leere. Keine Lust zu schlafen, zu reden, zu essen, zu atmen, zu Leben. Keinen Sinn zum „sein".
Wozu leben wir überhaupt? Wir werden geboren, leben unser Leben und sterben. Ohne Nachhaltigkeit und ohne Andenken. Nachhaltig nur in den Gedanken derer, denen wir etwas bedeutet haben. Diese geben einen Teil ihrer Liebe bzw. Zuneigung sowie einen Teil des Schmerzes der durch den Verlust erlitten wurde weiter an ein Kind, einen Freund oder einen Bekannten. Diese Person, die diese „Nachhaltigkeit", dieses Andenken im Sinne von Gefühlen und Erzählungen erhält, kannte den Verstorben bzw. die Verstorbene nicht und fühlt nicht dasselbe beim Gedanken an die tote Person. Dieses „nicht kennen" bzw. „nicht fühlen" führt dazu, dass diese Person das erhaltene „Andenken an eine andere Person" nicht weiter geben wird und der/die Verstorbene letztendlich irgendwann in Vergessenheit gerät. Die Person wird zu einem Namen, einem Namen in zB einer Familienchronologie oder ein Name auf einer Liste in irgendeinem Archiv. Ein Name ohne Geschichte.
Namen sind etwas Eigenartiges. Sie bezeichnen einen Menschen ohne ihn zu werten und ohne etwas über ihn preis zu geben oder ihn kennen zu lernen. Wenn ich einen Name lese, zB auf einem Grabmal frage ich mich: „Wer war dieser Mensch? Wie hat er gelebt und was hat er erlebt? Wurde er geliebt?". Die meisten Menschen, ich denke sogar fast alle, interessiert so etwas nicht. Mich schon. Ich weiß nicht warum. Leider. Vielleicht weil ich fürchte auch einmal nur noch ein Name auf einer Liste oder einem Grabmal zu werden? Ein Name ohne Geschichte.
Jeder Mensch hat eine Geschichte, aber wer erzählt sie?
16. September 2008