Winnenden, Killerspiele & Co.

Veröffentlicht auf von teh

Endlich ist er fertig! Er ist etwas länger geworden als ich gedacht hatte und es viel Persönliches mit eingeflossen da ich mich in den oder anderen dingen selbst erkannt habe. Ich freue mich auf eine angeregte Diskussion mit vielen Gegenargumenten, oder gleich auf ganze Trackbacks.


Littleton - Erfurter - Blacksburg - Winnenden

Um nur einige Amokläufe der letzten 10 Jahre zu nennen und immer scheint das „Täterprofil" gleich zu sein: junge Männer die in ihren Schulen - den Orten des Verbrechens - als Außenseiter galten und ihre Freizeit mit dem Spielen von „Killerspielen" verbrachten. Der Amokläufer von Erfurt hörte nebenbei noch „satanistische und menschenverachtende" Musik von div. Metal-Bands was natürlich laut Medien mit Schuld an seiner Tat war. Bevor ich es vergessen - Tim K. (Winnenden) war depressiv und war deswegen auch schon in Behandlung.

Ich bin depressiv, ich war deswegen in Behandlung, ich spiele seit mehr als 5 Jahren täglich mehrere Stunden div. Computergames - darunter auch „Killerspiele" - und höre am liebsten Metalcore. Die Bands aus diesem Genre lehnen sich in ihren Texten gegen die Gesellschaft und die Politik auf und sind zu geschätzten 95 % Atheisten - genau so wie ich. Medien würden sagen es seien „Satanverehrende Bands" und ihre Texte sind menschenverachtend, aber nichts von beidem trifft zu. Es stimmt, dass mit der Gesellschaft also mit allen anderen Menschen abgerechnet wird und genau das ist auch notwendig. Ich verweise einfach nur auf meinen Artikel „Memento Mori: Ein Aufruf" und viele werden verstehen wieso dies notwendig ist. Nicht an Gott zu glauben wird leider von anderen Mitmenschen oft als schlechte Eigenschaft und als negativ gewertet und das ist kompletter Schwachsinn. Nicht an „ihn" oder „es" zu glauben ist eine Entscheidung die jeder für sich selbst trifft - genau wie die Entscheidung ob ich heute Mittag Spaghetti oder ein Schnitzel esse.

Liest man sich den oberen Absatz durch - vor allem die ersten Zeilen in denen es sich um „mein Profil" dreht - wird auffallen, dass ich so gesehen eigentlich exakt einem Amoklauf-Täterprofil entspreche. Gehöre ich jetzt für immer weggesperrt? Nein, gehöre ich nicht. Gehören Killerspiele abgeschafft? Nein, gehören sie nicht. Viele selbst ernannte Experten und Politiker stützen sich mit ihren Aussagen und Forderungen auf falsche Medienberichte. Damit muss Schluss sein! Deshalb verweise ich auf ein 3 Jahre altes YouTube-Video indem die Lächerlichkeiten in div. Berichten zu Killerspielen aufgezeigt werden. Übrigens kenne ich alle angeführten Computerspiele und kann einfach nicht glauben, dass so etwas ungestraft im Fernsehen gezeigt werden darf.


Methusalem, seines Zeichens Diplom-Psychologe und Admin von Lebensgestaltung hat mich gebeten in meinem Artikel auf die „Frage nach der Identität" einzugehen und dies möchte ich jetzt machen.

Seine eigene Identität zu erkennen und anzunehmen ist eine wirklich extrem schwierige Aufgabe und nichts was von heute auf morgen möglich ist. In den ersten Abschnitten unseres Leben saugen wir förmlich alles in uns auf: die Meinung der Eltern, oft nicht wahrheitsgetreuer Medienberichte und viele Anschauungsweisen von Pädagogen, Freunden und Verwandten. Die einfachste Möglichkeit ist es eine dieser Meinungen aufzugreifen und zu vertreten ohne weiter darüber nachzudenken. Meiner Schätzung nach machen dies ca. 90 % aller Menschen. Das Problem was ich dabei sehe ist, dass man dadurch nicht sich selbst ist, sondern die „Identität" eines anderen angenommen hat und sich dadurch nie schwierigen und unangenehmen Situationen bzw. Fragen stellen zu müssen.

Die zweite Möglichkeit ist es, alles in sich aufzusaugen und sich selbst eine Meinung zu bilden, diese aber auch zu vertreten, sollte es dadurch mal wieder heißen, dass man „gegen Strom schwimmte", verrückt ist und einen Vogel habe. Diese Möglichkeit ist dennoch alles andere als bequem oder einfach, sondern sehr schwierig für einen selbst und noch schwieriger für andere „normale" Menschen zu begreifen. Das gute daran ist jedoch, dass man dadurch in jeder Situation weiß wer man selbst ist und dadurch eine eigene „Identität" hat.

Leider kann dies nach hinten losgehen und das tut es relativ häufig, leider auch auf bizarre Art und Weise- erst vor kurzem in Winnenden.


Die letzten zwei Tage habe ich damit verbracht verschiedenste Medienberichte über Tim K. zu lesen und je mehr davon ich gelesen hatte, desto lächerlicher wurden sie. Eines jedoch war in allen Berichten gleich: Tim K. war ein Außenseiter und hat viel Zeit vor dem PC verbracht. Ebenso steht es außer Frage, dass sein Vater Sportschütze war und seinen Sohn öfter in den Verein als Gastschützen mitnahm. Auch wenn es seine Eltern; wahrscheinlich aus Scham, dementierten, so scheint Tim schwer depressiv gewesen zu sein.

Die Frage die sich nun alle (teilweise selbsternannten) Experten stellen ist die nachdem Warum und Wie. „Wie konnte so etwas passieren und warum ist sie passiert?". Die Antwort scheint schnell gefunden zu sein: psychisch krank, Außenseiter und Killerspiele. Ich finde diese Antwort einfach nur grausam und vor allem oberflächlich. Die Fragen die man sich stellen muss sind meiner Ansicht nach folgende:

Weshalb war Tim ein Außenseiter?

Ich kenne das Gefühl sehr gut ein Außenseiter zu sein, sich nicht willkommen und gemocht zu fühlen und es ist schrecklich - und es passiert so schnell: Man braucht nur anders zu sein, man braucht nur nicht zu rauchen, obwohl es alle anderen auch tun. Interessiert man sich als junger Bub nicht für Fußball und legt man als 15-xx Jahre altes Mädchen keinen Wert auf Dolce & Gabba, Gucci und Co. so mutiert man durch diese oberflächlichen und vor allem belanglosen Kleinigkeiten zum Außenseiter bzw. zur Außenseiterin. „Kinder können grausam sein" ist ein oft zitierter Ausspruch. Ja, es stimmt, aber die Schuld ist jedoch nicht nur bei den Kindern sondern vor allem auch bei den Eltern und in seinem Umfeld zu suchen, den schon im Kleinkindalter lernt man von seinen „Vorbildern" respektvollen Umgang mit Mitmenschen oder eben auch nicht. Letzteres leider viel öfter...

Weshalb war er depressiv?

Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen - eben weil er ein Außenseiter war. Dennoch vermute ich das in seinem Leben noch andere Dinge passiert sind die einfach nicht preisgegeben werden wollen. Die einzigen die dies tun könnten sind seine Eltern und die haben sogar schon Angst davor öffentlich zuzugeben, dass ihr Sohn psychisch krank bzw. labil war. Wie bereits gesagt ist es nur eine Vermutung.

Hat man diese beiden Fragen beantwortet, kann man nun einen Schritt weiterdenken und überlegen weshalb es sich bei Tim K. in dieser zerstörerischen Form äußerte. Meine Antwort darauf ist: Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch geht anders mit Problemen um. Der eine kann offen darüber reden und es sich „von der Seele reden" und wiederum ein anderer erträgt alles still und leise und frisst alles in sich hinein bis es einfach zu viel wird. Jetzt liegt es an jedem einzelnen zu entscheiden wie es weitergehen soll. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und eine davon ist ein Amoklauf. Wiederum eine Möglichkeit wäre Selbstmord und eine andere ist sich helfen zu lassen. Das muss man aber vor allem selbst wollen und man muss bereit sein die Vergangenheit ruhen zu lassen und nach vorne zu blicken. Dadurch lernt man mit seiner Wut bzw. mit seinem Hass besser umzugehen und in gewisser Weise denen zu verzeihen, die einen zum Außenseiter gemacht haben. Schafft man dies nicht richtet man seine Emotionen gegen andere.


Des Weiteren muss ich sagen, dass ich den Umgang mit Waffen in seiner Familie stark verurteile. Was hat ein 17 jähriger Bursche als Gastschütze in einem Schützenverein zu suchen und weshalb muss eine Pistole leicht erreichbar im Schlafzimmer liegen? Auch der etwas ältere Täter von Erfurt war Mitglied in einem Schützenverein und besaß vermutlich legal seine Tatwaffen (Die Berichte die ich gelesen habe sind in diesem Punkt nicht eindeutig). Ich weiß nicht ob Tim K. oder der Amokläufer von Erfurt bereits ihren Präsenzdienst hinter sich hatten, jedoch sollte es meiner Meinung nach erst dann möglich sein, einem Schützenverein beitreten zu können und auch nur wenn eine psychologische Beurteilung aufgrund von Beobachtungen bei Waffenübungen keine Einwände aufweißt.


Auf Killerspiele explizit gehe ich nicht mehr ein, da ich meine Meinung dazu bereits im dritten Absatz kundgetan habe, jedoch möchte ich mich generell zu Computerspielen und erneut der Frage nach der Identität äußern.

Computerspiele sind eine wunderbare Art sich vom Alltag und vom Leben und den Problemen die es mit sich bringt abzulenken. Man taucht einfach in eine andere Welt ein und ist jemand anderes. Ein Kriegsheld, ein Ork Krieger, ein Gangster oder ein Held in einer fernen fiktiven Welt und kämpft sich durch viele atemberaubende und epische Welten. Ich weiß wovon ich spreche da ich es ebenfalls so getan habe und zeitweise noch immer mache, jedoch vorsichtiger. In den Spielen wird man so angenommen wie man ist, weil man ja jemand anderes ist und jeder mit dem man im Internet ist auch jemand anderes, als der den er vorgibt. Langjährige Freundschaften entstehen und man „kennt" sich, obwohl man wahrscheinlich nur den echten, den so genannten „Real-Life-Namen" des kennt und ansonsten rein gar nichts über den anderen weiß. Ebenso sieht man in den virtuellen Welten schnell Fortschritte wenn man sich zeitmäßig reinhängt und hat zeitweise sehr schnell Erfolgserlebnisse. Eigentlich müsste man sich von diesen Welten so stark distanzieren, dass man sich darin nicht verliert, aber das ist verdammt schwierig. Ich spreche leider aus Erfahrung.

Wird es zuviel kann es vorkommen, dass man unter Realitätsverlust leidet, da man sich in der realen Welt immer unwohler fühlt, als man es sowieso schon tut und man sich nur noch sicher in einer fiktiven Welt fühlt in welcher man sich sein kann ohne verurteil zu werden...


Ich möchte stark betonen, dass dieser Artikel lediglich meine persönliche Meinung widerspiegelt und ich alles andere als ein Experte bin.


Veröffentlicht in Gedanken

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ichse 04/21/2009 00:00

Hey ich sehe es so wie du, mit metalcore usw ist es genauso, nur denke ich nicht an selbstmord, amoklauf etc...aber auch vor allem thema killerspiele....perfekt. so ist es. respekt für einen artikel! :-)

teh 05/09/2009 18:38


Herzlichen Dank


Sabine vom kreativen Häuschen 04/15/2009 17:17

Sehr gut und differenziert geschrieben.
Liebe Grüße, Sabine

ike 04/06/2009 23:28

"[...]und ich alles andere als ein Experte bin."

Du bist mehr Experte als der Großteil der sogenannten Journalisten und Reporter die sich wie die Aasfliegen auf diese Story stürzen und das Leben der Betroffenen zur Hölle machen.
Du bist auch mehr Experte als unsere lieben Politiker welche solche Ereignisse zu Wahlkampfzwecken instrumentalisieren und die es nicht schert was sie damit anrichten. Schließlich gibt es keine Lobby die mit Folgen drohen kann.

Guter Beitrag!

teh 04/07/2009 09:10


Herzlichen Dank für die Blumen


Methusalem 04/02/2009 13:40

Was dabei interessant wäre... die Suchtgefahr zu erkennen, darüber nachzudenken, wie man sich als Spieler begrenzen und der sich möglicherweise entwickelnden Abhängigkeit entgegenwirken kann. Dazu hatte ich vor einem Jahr einmal etwas geschrieben: http://www.lebensgestaltung.over-blog.com/article-18204697.html. Prävention aus der Sicht eines Betroffenen - und Ansätze für den bewussten Umgang mit Spielen - das wäre ein interessantes Projekt. Die Wege sind dabei vielleicht sehr persönlich - aber was hilft, kann auch für andere eine Anregung sein. Der Kommentar zur Frage nach Erfolgserlebnissen im Alltag ist übrigens auch interessant - denn so mancher sucht wohl im Spiel etwas, das im realen Leben nicht gelingen mag...

Methusalem 04/01/2009 21:09

Das ist ein interessanter Artikel geworden und die Frage, die ich im Sinn hatte, ist auch beantwortet. Die Erfahrung mit Killerspielen habe ich eben nicht, insofern bin ich dort Laie - die Ausführungen passen aber gut zu meiner Auffassung. Killerspiele sind weder notwendig noch hinreichend, um einen Amoklauf zu erklären. Dort, wo jemand zwischen Spiel und Realität trennen kann, fehlt eben der direkte Transfer. Im Spiel "ein anderer zu sein", aber sich nicht damit zu identifizieren - das ich, wie ich meine, ein ganz entscheidender Punkt.

teh 04/02/2009 13:31


Ich werde wohl demnächst einen ausführlicheren Artikel rein über Onlinespiele schreiben, da ich relativ viel Erfahrung in diesem Bereich habe und demnach kein Laie bin.